Eli Lilly-Aktie: Konzern verklagt sechs Firmen wegen Schwarzmarkt-Retatrutid
Eli Lilly geht mit sechs Klagen gegen Anbieter vor, die ein noch nicht zugelassenes Adipositas-Mittel verkauft haben sollen.
- Sechs US-Firmen sollen Schwarzmarktversionen eines Adipositas-Wirkstoffs vertrieben haben
- Konzernvertreter nennt die Klagen einen Anfang, keine Gesamtlösung des Problems
- Zollbehörden verzeichnen einen deutlichen Anstieg abgefangener Schwarzmarkt-Sendungen
Eli Lilly hat am Mittwoch sechs Klagen gegen US-Unternehmen eingereicht, denen der Pharmakonzern den illegalen Verkauf von Schwarzmarktversionen des experimentellen Adipositas-Wirkstoffs Retatrutid vorwirft. Das Präparat befindet sich noch in der klinischen Erprobung und ist von keiner Behörde weltweit zugelassen. Lilly verschärft damit seine Kampagne gegen nicht autorisierte Anbieter, während der Konzern selbst die Zulassung vorbereitet.
Sechs Klagen gegen Apotheken, Spas und Online-Verkäufer
Die Klagen richten sich gegen Aesthetic Envy Cosmetic Centers, Astra Peptides, Legendary Peptides, Striker Pharmacy, Texas Peptides und Lone Star Peptide, eingereicht bei US-Bundesgerichten in Kalifornien und Texas. Vier der Beklagten bewerben ihre Produkte ohne Rezept als reine Forschungsware, Aesthetic Envy ist ein kalifornisches Medical Spa, Striker Pharmacy eine Rezepturapotheke, die laut einer CBS-News bereits im Juni als Herstellerin einer Nachahmerversion des Wirkstoffs identifiziert worden war.
Der Pharmakonzern mit Sitz in Indianapolis wirft den Firmen vor, Retatrutid an Verbraucher vermarktet zu haben, obwohl sich der Wirkstoff noch in Phase-3-Studien zur Behandlung von Adipositas, Typ-2-Diabetes und verwandten Erkrankungen befindet. Konzernmedizinchef David Hyman erklärte, was auf dem Schwarzmarkt verkauft werde, sei kein Medikament, sondern völlig ungeprüft, nicht zugelassen und das Risiko nicht wert.
Zollbehörden melden verdoppelte Beschlagnahmungen
Lilly gab an, mehr als 200 Einzelpersonen und Organisationen an die FDA, das US-Justizministerium, Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten, Strafverfolgungsbehörden und Berufsverbände verwiesen zu haben, zusätzlich habe der Konzern mehr als 14.000 Websites, Anzeigen und Produktlistings in über 100 Ländern gemeldet. Der Konzern fordere Plattformen, Zahlungsabwickler und Versandfirmen auf, die Infrastruktur für den Handel zu unterbinden. Die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde teilte mit, im Fiskaljahr 2025 mehr als 690 Sendungen mit über 31.000 Einheiten illegaler GLP-1-Präparate abgefangen zu haben, im Juli 2026 verdoppelten sich diese Zahlen auf über 1.400 Beschlagnahmungen und fast 90.000 abgefangene Ampullen.
Dr. Max Denning, bei Lilly zuständig für globale Patientensicherheit im kardiometabolischen Bereich, bezeichnete das Problem gegenüber CBS News als global und enorm und räumte ein, sechs Klagen seien nicht die Lösung für alles, aber ein Anfang. Konzernintern hatte eine Führungskraft von Eli Lilly in der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal Anfang August auf die Frage nach einer Strategie gegen bereits verfügbare Schwarzmarktprodukte zurückhaltend reagiert und dies als nebensächlich abgetan. Kenneth Custer, Executive Vice President, erklärte laut einem von S&P Global Market Intelligence erstellten Transkript, viele Menschen warteten auf authentisches Retatrutid im Markt.
Zulassung und Rechtsstreit mit der FDA laufen bei Eli Lilly parallel
Retatrutid gilt als nächste Generation von Lillys Adipositas-Wirkstoffen und zielt als sogenannter Triple-Agonist gleichzeitig auf die Hormone GLP-1, GIP und Glucagon, während das bereits zugelassene Präparat Zepbound nur über GLP-1 und GIP wirkt. Der Konzern plant, den Zulassungsantrag im ersten Quartal 2027 bei der FDA einzureichen, eine 80-wöchige Studie an Erwachsenen mit schwerer Adipositas und Herzerkrankung zeigte für die höchste wöchentliche Dosis eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 22,6 Prozent. Bereits am 3. August hatte Lilly angekündigt, ausgewählten Patienten mit schweren Begleiterkrankungen vor der Zulassung einen kontrollierten Frühzugang zu ermöglichen.
Parallel läuft seit September 2024 ein Rechtsstreit zwischen Lilly und der FDA über die regulatorische Einordnung des Wirkstoffs: Die Behörde stuft Retatrutid als gewöhnliches Arzneimittel ein, Lilly pocht auf die Einordnung als Biologikum, die zwölf statt fünf Jahre Marktexklusivität sichern würde. Ein Gericht hob die Einstufung der FDA zwar auf, verwies die Frage aber zur erneuten Prüfung zurück. Konzernchef Dave Ricks bekräftigte in der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal, der Konzern verfolge weiterhin die Biologika-Einordnung.
So reagiert die Eli Lilly-Aktie
Im Handel an der NYSE steigt die Eli Lilly-Aktie zeitweise um 0,22 Prozent auf 1.217,69 US-Dollar.
Wie die sechs beklagten Firmen auf die Klagen reagieren, ist offen. Parallel dürfte der Rechtsstreit um die regulatorische Einordnung von Retatrutid als Biologikum weiterlaufen, dessen Ausgang über die Länge der Marktexklusivität nach einer möglichen Zulassung entscheidet.
Evelyn Schmal, Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
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