Archer Aviation-Aktie springt kräftig an: eVTOL-Firma übernimmt Boeing-Töchter
Ausgerechnet der kleinere Partner greift zu: Archer schluckt gleich drei Töchter des Luftfahrtriesen Boeing und holt sich damit über Nacht ein profitables Rüstungsgeschäft ins Haus.
- Archer übernimmt Boeings Töchter Wisk Aero, SkyGrid und Insitu
- Mit Insitu kommt ein profitables Rüstungsgeschäft in 35 Ländern hinzu
- Boeing steigt mit knapp 20 Prozent bei Archer ein und bleibt Partner
Archer Aviation übernimmt drei Töchter von Boeing und verwandelt sich damit vom reinen Flugtaxi-Entwickler in einen Anbieter mit sofort profitablem Rüstungsgeschäft. Die Aktie springt am Montag an der NYSE zeitweise 7,25 Prozent auf 6,00 US-Dollar hoch, weil der Zukauf die dünne Umsatzbasis des Unternehmens schlagartig verbreitert und die Erzählung vom spekulativen Hoffnungswert neu aufsetzt. Die Boeing-Aktie notiert derweil 0,19 Prozent im Plus bei 234,86 US-Dollar.
Was Archer von Boeing bekommt
Archer sichert sich per fester Vereinbarung Wisk Aero, SkyGrid und Insitu. Der schwerste Brocken ist Insitu, ein profitabler Drohnenhersteller, der nach Unternehmensangaben über 200 Millionen US-Dollar im Jahr umsetzt, mehr als 3.500 unbemannte Flugsysteme ausgeliefert hat und Streitkräfte in 35 Ländern beliefert, also ein Vielfaches dessen einbringt, was Archer bislang selbst einnimmt. Wisk steuert sechs Generationen elektrischer Senkrechtstarter und mehr als 1.700 Testflüge aus 16 Jahren bei, SkyGrid ein herstellerunabhängiges System zur Steuerung des automatisierten Luftraums. Zusammen bringen die drei Firmen fast zwei Millionen Flugstunden mit, die in Archers KI-Basismodell ZEE einfließen sollen.
Boeing steigt bei Archer ein
Im Gegenzug wird Boeing Aktionär und strategischer Partner. Der Flugzeugbauer übernimmt eine Beteiligung an Archer, die Berichte auf knapp 20 Prozent beziffern, und behält über eine Technologievereinbarung Zugriff auf Wisks zentrale autonome Flugtechnik für seine aktuellen und künftigen zivilen und militärischen Flugzeuge. Zugleich kann Boeing seine eigenen Mittel stärker auf das Kerngeschäft lenken. Die genauen finanziellen Konditionen ließen beide Seiten offen und verwiesen auf eine heute bei der US-Börsenaufsicht eingereichte Pflichtmitteilung. Für Boeing ist der Verkauf ein Rückzug aus kapitalintensiven Geschäften in der Frühphase bei gleichzeitigem Erhalt des technologischen Zugangs.
Vom Hoffnungswert zum Rüstungsanbieter
Für Archer ist der Zukauf ein Rollenwechsel. Bislang lebte die Aktie fast ausschließlich von der Zukunftsfantasie rund um Lufttaxis, während handfeste Erlöse fehlten. Im jüngsten Quartalsbericht vom 11. Mai 2026 standen rund 1,6 Millionen US-Dollar Umsatz einem Nettoverlust von etwa 218 Millionen US-Dollar gegenüber, nach gut 93 Millionen ein Jahr zuvor. Ein etabliertes, profitables Verteidigungsgeschäft verschiebt diese Rechnung spürbar. Pikant ist das Timing: Die Unterzeichnung fällt auf den Tag genau drei Jahre nach der Beilegung eines Rechtsstreits, in dem Wisk dem Rivalen Archer 2021 den Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen vorgeworfen hatte.
Ob aus der Ankündigung mehr wird als eine Kursfantasie, entscheidet sich bis zum Jahresende. Bis dahin steht die kartellrechtliche Freigabe in den USA aus, erst danach kann der Zusammenschluss vollzogen werden. Bestätigt sich der Zeitplan, wären die über 200 Millionen US-Dollar Umsatz aus dem Rüstungsgeschäft der erste belastbare Beleg dafür, dass Archers Wandel zur breiteren Plattform trägt.
Julia Walter, Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
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