DIHK erwartet 2023 "rote Null" beim Wachstum
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) rechnet für dieses Jahr mit einer "roten Null" beim Wirtschaftswachstum. Das gab DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben vor dem Hintergrund der jüngsten Konjunkturumfrage der Kammerorganisation bekannt. "Statt tiefer Rezession erwartet uns in diesem Jahr eher eine Seitwärtsbewegung und unterm Strich eine rote Null", sagte er. Deutschlands Unternehmen erwarteten im laufenden Jahr überwiegend Stagnation, so das Ergebnis der bundesweiten IHK-Konjunkturumfrage unter rund 27.000 Betrieben aus allen Branchen und Regionen.
Im Vergleich zum Herbst, als mit nur 8 Prozent Optimisten der bisherige Tiefststand bei den Geschäftserwartungen gemessen worden sei, rechneten nun 16 Prozent und damit doppelt so viele Unternehmen mit besseren Geschäften in den nächsten zwölf Monaten. Allerdings bleibe die Zahl der Pessimisten, die im gleichen Zeitraum schlechtere Geschäfte erwarten, mit 30 Prozent nach zuvor 52 Prozent der Unternehmen weiter deutlich höher. Mit minus 14 Punkten bewegt sich der Saldo der Geschäftserwartung den Angaben zufolge immer noch deutlich im negativen Bereich und damit weit unter dem langjährigen Schnitt von plus 5 Punkten.
"Die gute Nachricht ist, dass die deutsche Wirtschaft einen drohenden Absturz abwenden konnte", erklärte Wansleben. Das habe sicher auch mit den seitdem verkündeten und zum Jahreswechsel aufgesetzten Energiepreisbremsen zu tun. "Damit hat sich einiges beruhigt, aber noch nichts belebt", betonte er. Noch immer bewerteten drei von vier Unternehmen im Durchschnitt aller Branchen die hohen Energie- und Rohstoffpreise als Geschäftsrisiko. Insbesondere in der Industrie sei dieser Wert mit 85 Prozent weiterhin sehr hoch. "Für viele Betriebe war der Umgang mit dem enormen Preissprung im vergangenen Jahr ein Überlebenskampf", so Wansleben. "Jetzt können sie wieder besser planen, wenn auch auf einem deutlich höheren Kostenniveau."
Rahmenbedingungen müssen stimmen
Damit kämen die Margen und die Investitionsmöglichkeiten unter Druck. So wollten in den kommenden zwölf Monaten 27 Prozent der Betriebe mehr investieren - im Vergleich zum Herbst sei das ein schwaches Plus von drei Prozentpunkten. Mit 26 Prozent wollten im gleichen Zeitraum fast ebenso viele ihre Investitionen zurückfahren. Ein Fünftel der Betriebe gebe zudem an, geplante Investitionen aufgrund der Kostenbelastung zurückzustellen. "Nur wenn die Investitionen stärker anziehen, kann sich ein selbsttragender Aufschwung einstellen. Dafür müssen insbesondere in Deutschland und Europa die Rahmenbedingungen stimmen", mahnte Wansleben.
Aktuell hätten die Ausrüstungsinvestitionen nicht einmal das Vorkrisenniveau erreicht. "Diese Investitionslücke bereitet uns große Sorgen." Unternehmen, die aktuell investierten, versuchten vor allem, den Status quo zu halten. "Leider müssen sie bei Erweiterungsinvestitionen auf die Bremse treten", sagte Wansleben, der in diesem Zusammenhang darauf hinwies, dass knapp ein Fünftel der Unternehmen einen Rückgang des Eigenkapitals beklage. "Damit drohen Finanzierungsschwierigkeiten, die ihrerseits die Investitionsmöglichkeiten einschränken können."
Neben den Energie- und Rohstoffkosten bewerte jeweils mehr als die Hälfte der Unternehmen den anhaltenden Fachkräftemangel sowie die letztlich auch damit verbundenen steigenden Arbeitskosten als relevantes Geschäftsrisiko. "Es ist klar, dass bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden die Unternehmen zuallererst selbst gefordert sind", betonte der DIHK-Hauptgeschäftsführer. Die Beschäftigungsabsichten seien denn auch im Vergleich zur Gesamtsituation recht expansiv. Die Unternehmen könnten allerdings nicht die demografische Entwicklung aushebeln. Deswegen brauchten sie "bei der Fachkräftegewinnung mehr politischen Rückenwind".
Kein Einbruch bei der Einschätzung der Geschäftslage
Eine Stabilisierung zeigt sich laut der Umfrage bei der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage. Wegen des bisher glimpflichen Verlaufs der Krise und der staatlichen Stützungsmaßnahmen habe es erfreulicherweise keinen Einbruch gegeben, wie er noch im Herbst zu befürchten gewesen sei. Über alle Branchen hinweg bewerteten 34 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage zu Jahresbeginn als gut - 2 Prozentpunkte mehr als in der Vorumfrage. Hingegen sinke der Anteil der Unternehmen, die von einer schlechten Geschäftslage berichteten, leicht auf 15 Prozent von 19 Prozent. Der Saldo aus guten und schlechten Lageeinschätzungen verbessere sich damit um 6 auf 19 Punkte.
Besonders die Industrieunternehmen könnten von einer einsetzenden Entspannung im Lieferverkehr profitieren und die noch hohen Auftragsbestände abarbeiten. 36 Prozent der Industriebetriebe schätzten die Lage als gut ein und 15 Prozent als schlecht. Aufgrund der Preisberuhigung an den Energiemärkten, der hohen Füllstände in den Gasspeichern und damit dem Ausbleiben einer Gasmangellage schätzten die Unternehmen das Risiko der Energie- und Rohstoffkosten als etwas weniger wichtig ein. Es bleibe aber mit 72 Prozent deutlich das Hauptrisiko.
Selbst in der aktuellen Krise sei aus Sicht der befragten Betriebe der Fachkräftemangel das zweitgrößte Geschäftsrisiko. 60 Prozent fürchten laut der Umfrage einen Personalmangel. In der Industrie erreiche der Fachkräftemangel mit 61 Prozent einen neuen Höchstwert. Und auch andere Risiken wie Arbeitskosten (49 Prozent), Inlandsnachfrage (48 Prozent) oder wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (41 Prozent) würden von den Unternehmen noch deutlich häufiger genannt als vor der Coronavirus-Pandemie.
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February 09, 2023 03:30 ET (08:30 GMT)