EZB-Rat weiterhin von Inflationssorgen dominiert - Protokoll


Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)--Bei den Beratungen des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am 15./16. März haben unverändert die geldpolitischen "Falken" die Oberhand gehabt. Wie aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll der Beratungen hervor geht, setzte diese Gruppe trotz der vorangegangen Finanzmarktturbulenzen sowohl einen großen Zinsschritt als auch eine abgemilderte Form der Forward Guidance durch, die weitere Zinsanhebungen unter bestimmten Voraussetzungen in Aussicht stellt. Zugleich geht aus dem Protokoll aber hervor, dass eine kleinere Gruppe im Rat, nicht eine kleinere, sondern gar keine Zinsanhebung wollte.

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Der Rat hatte im März inmitten von Turbulenzen im Finanzsektor beschlossen, geldpolitisch Kurs zu halten und die Leitzinsen um 50 Basispunkte anzuheben. Zugleich hatte er eine für den Notfall erhöhte Liquiditätsversorgung zugesagt und eine neue "Reaktionsfunktion" vorgestellt. Demnach will das Gremium seine Geldpolitik von der Einschätzung der Inflationsaussichten unter Berücksichtigung der eingehenden Wirtschafts- und Finanzdaten, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission abhängig machen.

Schnabel wies auf Unsicherheit über Reaktionsfunktion hin

EZB-Direktorin Isabelle Schnabel hatte in ihrem Einführungsvortrag darauf hingewiesen, dass der Anstieg der marktbasierten Inflationserwartungen im Vorfeld der Bankenturbulenzen teilweise auf einer Unsicherheit über die Reaktionsfunktion der EZB beruht habe.

Dem trug EZB-Chefvolkswirt Philip Lane mit einem entsprechenden Vorschlag Rechnung. Nach Lanes Worten geht es dabei darum, die quartalsweise anstehenden Inflationsprognosen des volkswirtschaftlichen Stabs im Lichte des "unterliegenden Inflationsdrucks" und der Übertragung der Geldpolitik in die Wirtschaft gegenzuprüfen.

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Der Rat gab keine Risikoeinschätzung zum Inflationsausblick ab, aber eine starke Gruppe in dem Gremium sah sie weiterhin aufwärts gerichtet. Das hatte auch mit der zunehmenden Rolle der Lohnentwicklung für die Kerninflation zu tun.

Inflation seit zwei Jahren vor allem von Gewinnen getrieben

Der EZB-Rat diskutierte aber auch in bisher nicht da gewesener Deutlichkeit die Rolle der Unternehmensgewinne an der Kerninflation. So sagte Lane in seinem Vortrag, dass die Entwicklung der Gewinne im Vergleich zu den Löhnen darauf hindeute, dass die Löhne in den vergangenen zwei Jahren nur einen begrenzten Einfluss auf die Inflation gehabt hätten und dass der Anstieg der Gewinne wesentlich dynamischer gewesen sei als der der Löhne.

Lane zufolge ist es aber fraglich, ob die Unternehmen diesen Kurs fortsetzen können. In der Diskussion hieß es dazu, dass der Terms-of-Trade-Schock wie eine Steuer gewirkt habe und dass seine Absorption in der Binnenwirtschaft mit einer gewissen Lastenteilung zwischen Arbeit und Kapital erfolgen sollte. Aus geldpolitischer Sicht sei es wichtig, dass die Lastenteilung dazu beitrage, Zweitrundeneffekte und Lohn-Preis-Spiralen zu verhindern.

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Rat wollte nicht das Ende des Erhöhungszyklus signalisieren

Insgesamt herrschte im EZB-Rat zu diesem Zeitpunkt eine große Unsicherheit darüber, welche Auswirkungen das Scheitern zweier US-Banken und von Credit Suisse für die Kreditversorgung der Wirtschaft haben würde. Das Risiko, dass diese Ereignisse den europäischen Bankensektor in ein Chaos stürzen könnten, hat sich seither deutlich verringert.

Zum weiteren Zinskurs einigte sich der Rat darauf, auf eine förmliche Guidance zu verzichten. Laut Protokoll fürchtete aber die Mehrheit des Rats, dass das Fehlen einer solchen Guidance als Hinweis auf das Ende des Zinserhöhungszyklus' interpretiert werden könnte. "Aus diesem Grund wurde vorgeschlagen, die Botschaft zu vermitteln, dass der EZB-Rat ohne die jüngsten Marktturbulenzen die Erwartung geäußert hätte, dass er die Zinssätze angesichts des Basisszenarios weiter erhöhen würde."

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

DJG/hab/rio

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April 20, 2023 09:01 ET (13:01 GMT)