Halvers Kapitalmarkt-Monitor

Die Fed unter Kevin Warsh: Wenn man im heißen Sommer über den kalten Winter kommen will


Inflationskümmernde Glaubwürdigkeit ist unter der neuen Fed-Leitung theoretisch ein hohes Gut. Angesichts beständig zu hohen Preisen folgt praktisch aber keine entsprechende Zinsrestriktion.

Grundsätzlich versucht die Fed über eine zurückhaltende Kommunikation einen Mittelweg zwischen einerseits Preis- sowie andererseits Konjunktur- und Finanzrisiken zu finden. Es geht um Zeitgewinn, bis die Preissteigerungen im Vorjahresvergleich abklingen und so für weniger Handlungsdruck sorgen.

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Die US-Notenbank will möglichst keine Zinserhöhungen und spielt daher auf Zeit

Wie erwartet belässt die US-Notenbank ihren Leitzins zunächst unverändert bei 3,75 Prozent. Fed-Chef Warsh betont zwar erneut sehr wortstark, dass man Preisstabilität liefern werde. Doch wenn auch nach seinen Worten die Inflation seit fünf Jahren viel zu lange über dem Zielwert von zwei Prozent liegt, wo bleiben dann die Zinserhöhungen? Offensichtlich hofft er, dass sich das zuletzt etwas entspanntere Bild bei Produzenten- und Verbraucherpreisen fortsetzt.

Immerhin, dass der "family fight" bei der Fed zu drei abweichenden Stimmen zugunsten einer Zinserhöhung führte, hält Spekulationen über zukünftig restriktive Geldpolitik aufrecht. So werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einerseits wird Stabilität signalisiert. Andererseits gewinnt man Zeit, bis sich - so die Hoffnung - die Wogen der energieseitigen Preisbeschleunigung geglättet haben. Tatsächlich, als relative Größe würde die Inflation im Zeitablauf von einer Beruhigung im Iran-Konflikt profitieren, selbst wenn die Ölpreise ihr aktuell absolut hohes Niveau beibehielten.

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Ebenso gewinnt man Zeit, bis die von Warsh ins Leben gerufenen Arbeitskreise (Kommunikation, Liquiditätspolitik, Informations- und Datenquellen, Auswirkungen neuer Technologien auf Produktivität und Inflationsmessung) Ende 2026 ein neues geldpolitisches Leitplankensystem gebildet haben.

Als ein Ergebnis davon könnte ein neues Inflationsmaß der Fed ebenso einen freundlicheren Zinsausblick nahelegen. Das bisher von der Fed beachtete Inflationsmaß liegt zwar bei 3,7 Prozent. Eine neue Variante (sog. Trimmed Mean Inflation Rate), bei der auf der Ober- und Unterseite monatlich die extremen Preisbewegungen abgeschnitten werden, liegt mit nur 2,2 Prozent deutlich niedriger, womit sich Preisstabilität auch ohne Zinsrestriktionen erreichen ließe.

Man sollte dem neuen Fed-Chef keine besondere Trump-Hörigkeit unterstellen. Kevin Warsh hat ein Eigeninteresse an Reputation, zumal seine Amtszeit die des Präsidenten überdauert. Aber dem US-Präsidenten dürfte es gefallen. Er hat Warsh bereits für seine bisherige nicht-restriktive Arbeit gelobt.

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Die Fed überlässt den Finanzmärkten die restriktive Geldpolitik, muss bei Bedarf aber eingreifen

Gegenüber den seit Alan Greenspan über viel und intensive Kommunikation beeinflussten Finanzmärkten will die neue Fed diese nur noch eher "nachrichtenhaft" begleiten.

Im Endeffekt wälzt die Fed die Erwartungsbildung hinsichtlich der weiteren Geldpolitik auf die Anleihenmärkte ab. Und diese sind derzeit eher dunkel: Seit Beginn der Amtszeit von Warsh sind die Renditen über alle Laufzeiten teilweise auf den höchsten Stand seit 2007 gestiegen, was dämpfend auf die kreditabhängige US-Konjunktur wirkt.

Tatsächlich hat sich das Wachstum im II. Quartal auf 1,5 nach zuvor 2,1 Prozent zum Vorjahr abgeschwächt. Auch die großen US-Tech-Unternehmen bekommen mittlerweile die steigenden Finanzierungskosten zu spüren. Dennoch ist der Superzyklus der KI-Investitionen als maßgeblicher Stabilisator für die Wirtschaft intakt.

Die KI-Konkurrenz birgt für Neueinstellungen am Arbeitsmarkt allerdings Unsicherheiten. Ein zuletzt schwächeres Beschäftigungswachstum zeigt diese zunehmende Sorge. Arbeitnehmer sind sehr skeptisch, was ihre Jobsicherheit angeht.

Aufgrund der wirtschaftlichen Empfindlichkeiten wird die Fed daher ihr Augenmerk weniger auf unbedingte Preis-, sondern vor allem auf Konjunktur- und nicht zuletzt Finanzstabilität lenken. Einen weiteren starken Renditeanstieg kann sie neben wirtschaftlichen Aspekten auch im Hinblick auf die epochale Verschuldung des Staates und seiner Verbraucher kaum akzeptieren.

Zinspolitisch dürfte die Fed von Zinserhöhungen möglichst Abstand nehmen. Tatsächlich bilden sich die Zinserhöhungserwartungen auch an den Terminmärkten zurück. Gegenwärtig preisen sie noch Anhebungen um rund 30 Basispunkte ein, was für die Börsen im Herbst positives Überraschungspotenzial bietet.

Eine wild card dabei ist die Iran-Krise. Sollte sich die Lage vorerst verschärfen und sich ein Ölpreis über 100 US-Dollar festsetzen, könnte sich die Fed auf ihrer Sitzung am 16. September zu einer Glaubwürdigkeits-Zinserhöhung gezwungen sehen. Wegen systemischen Bremseffekten, die ohnehin von hohen Energiepreisen ausgehen, kämen weitere Zinserhöhungen dann aber schnell an ihr Ende.

Marktlage - Wie viel Sorgen müssen sich Anleger um High-Tech machen?

Sicher ist die ungewohnt schwache Redseiligkeit der neuen Fed ein Verunsicherungsfaktor. Anleger werden sich irritiert fragen: What’s the news? Hinter der "Mauer des Schweigens" werden sie aber immer mehr eine im Grundsatz freundliche Geldpolitik erkennen.

Unabhängig davon ist die Skepsis gegenüber etablierten Technologiekonzernen gewachsen.

Zunächst wird befürchtet, dass Chinas Technologieunternehmen über massive Unterstützung staatlicher Investoren - s. Börsengang des Speicherchip-Herstellers CXMT - über die gesamte Wertschöpfungskette zu noch gefährlicheren Wettbewerbern aufsteigen. Ein mögliches Preisdumping legt den Vergleich zur deutschen Autoindustrie nahe. Tatsächlich weckt das preisgünstige chinesische KI-Modell Kimi K3 ähnlich wie schon bei DeepSeek neue Zweifel an der längerfristigen Amortisation der Abermilliarden schweren KI-Investitionen der US-Big Techs.

Ebenso wächst die Sorge vor "Circular Deals" wie zu Zeiten der Dotcom-Blase. Wie das Beispiel der möglichen Kreditgarantie Nvidias für ein großes Rechenzentrum von OpenAI, das im Gegenzug deren KI-Hardware kauft, könne sich eine kreisförmige Finanzierungsstruktur des KI-Booms etablieren. Böse Zungen sprechen bereits von Schneeballsystemen, die wie früher am Ende zusammenbrechen.

Nicht zuletzt schauen Anleger ängstlich auf die Berichtssaison für das II. Quartal. Tatsächlich sind die Erwartungen hoch und führen kleinste Enttäuschungen zu Kursrücksetzern.

Wie berechtigt sind diese Bedenken?

"Chip-Länder" wie USA, Südkorea und Taiwan werden nicht tatenlos zusehen, wie China ihnen die Zukunftsindustrien wie Butter vom Brot nimmt. Mit rasanten technologischen Weiterentwicklungen, die zukünftig auch massiv von wachsenden staatlichen Investitionen getragen werden, wird dem Erzrivalen das Leben im systemischen Wettstreit schwer gemacht. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass High-Tech auch eine geostrategische Bedeutung hat. Wer hier führt, hat die pole position.

Ohnehin geht es bei KI-Chips um bestmögliche Rechenkapazitäten. Je effizienter und mehr Daten verarbeitet werden können, umso mehr wirtschaftlichen Nutzen für Anwender und auch Produzenten ermöglichen sie. Auch hier geht es um den Wettbewerb mit China.

Die Überkreuzverflechtungen mögen ein Geschmäckle haben. Doch gehören auch High-Tech-Konzerne nicht der Heilsarmee an. Sie sichern ihre Perspektiven mit Leistung und Gegenleistung ab.

Im Übrigen gab es ähnliche Konstrukte auch in Deutschland zwischen Autobauern- und -zulieferern. Wie früher das Ökosystem bei Autos wird so auch das KI-Ökosystem gefördert.

Natürlich kommt es im Laufe der Berichtssaison zu Enttäuschungen und damit Volatilitäten. Es gibt auch in dieser Branche keine Einbahnstraßen nach oben, keinen Turmbau zu Babel. Doch sind die längerfristigen Potenziale über den Kampf um die globale Vorherrschaft, der Run um die bestmögliche Datenverarbeitung und die rasant wachsende Anwendung von KI in allen Branchen zweifelsfrei gegeben. Bisher bereitet der bisherige Verlauf der Berichtssaison im Tech-Sektor grundsätzlich keinen systematischen Grund zur Sorge.

Zudem gab es bereits Kurskonsolidierungen und einen Abbau der Hochbewertungen, so dass das weitere Verlustpotenzial reduziert ist.

Insgesamt, trotz vorübergehenden Schreckmomenten bleibt die Tech-Fantasie erhalten, die Anleger mindestens über längerfristige Sparpläne nutzen sollten. Überhaupt sind innerhalb und außerhalb des High-Tech-Sektors kompensierende Rotationen zu beobachten. So verspüren Smartphone-Anbieter Höhenluft.

Und abseits der bekannten IT-Pfade finden sich andere attraktive Branchen. Nachholbedarf besteht vor allem bei Firmen, die bislang unter den globalen Konjunktur- und Energiesorgen gelitten haben. U.a. bieten in Amerika günstige konjunkturzyklische Werte eine Alternative, die von deutlichen weltwirtschaftlichen Überraschungspotenzialen profitieren.

Doch hat auch Europa vielversprechende zyklische Sektoren mit intakten Geschäftsmodellen und stabilen Cashflows zu bieten, die als Gegengewicht zu den USA im Durchschnitt noch niedrigere Bewertungen aufweisen. Diesen Value-Charakter haben vor allem Unternehmen aus z.B. den Sektoren Banken, Industrie und Versorger. Tatsächlich entwickeln sich die wirtschaftspolitisch nicht verwöhnten deutschen Aktienindices DAX und MDAX vergleichsweise stabil.

Sentiment und Charttechnik DAX - Rotation statt Crash

Trotz der jüngsten Irritationen deuten die Sentiment-Indikatoren nicht auf markantes Drohpotenzial für die richtungsgebenden US-Aktienmärkte hin. Laut Association of Individual Investor dominieren derzeit die Pessimisten den US-Aktienmarkt, so dass das Korrekturpotenziale begrenzt sind.

Über den Sommer wird die Aktienstimmung zwar volatiler verlaufen. Es ist die Zeit für regelmäßige Aktiensparpläne.

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben die nächsten Widerstände im DAX bei 25.900 und 26.089 Punkten. Im Falle einer Gegenbewegung bieten die Marken bei 25.612, 25.560, 25.508 sowie 25.300 und 25.280 Punkten Unterstützung.

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Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums begann Robert Halver seinen beruflichen Werdegang zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Anschließend arbeitete er als Analyst und Aktienstratege bei der Privatbank Delbrück & Co in Frankfurt.

2001 wechselte Robert Halver zur Schweizer Privatbank Vontobel. Sein Aufgabenschwerpunkt war die Formulierung der Anlagestrategie der Vontobel Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 leitet Herr Halver die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG in Frankfurt. In dieser Funktion ist er auch für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.
Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.