IMK: Rezessionswahrscheinlichkeit bleibt im roten Bereich
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden drei Monaten eine Rezession durchläuft, ist in den letzten Wochen zwar leicht gesunken, aber weiterhin so hoch, dass der IMK-Konjunkturindikator wie im Juli "rot" anzeigt. Wie das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung mitteilte, weist der Indikator für den Zeitraum von August bis Ende Oktober eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 71,5 Prozent aus, nachdem sie im Juli für die folgenden drei Monate 78,5 Prozent betrug. Auch der neue Wert liege über der Grenze, ab der der nach dem Ampelsystem arbeitende Indikator eine akute Rezessionsgefahr ("rot") markiere. Zusätzlich sei die statistische Streuung gestiegen, in der sich die Verunsicherung der Wirtschaftsakteure ausdrückt.
"Nach wie vor bremsen verschiedene Gegenwinde die deutsche Konjunktur", erklärte IMK-Konjunkturexperte Thomas Theobald. Der private Verbrauch werde durch die weiter hohe, wenn auch inzwischen rückläufige Inflation beeinträchtigt. Unternehmensinvestitionen und Wohnungsbautätigkeit litten unter höheren Finanzierungskosten, Preisen und Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung. "Besonders ausgeprägt ist die konjunkturelle Schwäche bei der Produktion energieintensiver Industriezweige, was sich in der seit der Corona-Krise nur seitwärts verlaufenden Produktion des gesamten produzierenden Gewerbes bemerkbar macht", betonte Theobald. Hinzu komme, dass Stimmungsindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex zuletzt weiter gesunken seien.
Zwar habe es jüngst auch kleine "Hoffnungsschimmer" gegeben, so Theobald unter Verweis auf die jüngste Produktion im Dienstleistungssektor und die Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes aus dem Ausland. Dass das Rezessionsrisiko trotzdem leicht gesunken sei, gehe wesentlich auf die Stabilisierung einiger Finanzmarktindikatoren zurück. So sei der vom IMK gemessene "Finanzmarktstress" aktuell auf einem moderaten Niveau. Auch der Zinsunterschied zwischen Unternehmens- und Staatsanleihen habe sich leicht reduziert. Allerdings verhindere die erneute Leitzinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli, dass sich die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen wirklich spürbar verbesserten.
Ein "klassisches Konjunkturpaket mit kurzzeitigen Maßnahmen", die die Nachfrage ankurbeln, sei in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Konstellation wenig sinnvoll, sagte Theobald. Auch Steuersenkungsvorschläge, die aktuell kursieren, hielt der Ökonom nicht für zielführend. Nötig sei vielmehr "ein zusätzlicher transformativer Impuls für die Investitionen". Aus konjunktureller Sicht sei es gut, wenn der möglichst zeitnah komme, bevor der Arbeitsmarkt ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werde. "Auch eine baldige Einführung von ohnehin geplanten Maßnahmen, die zielgerichtet entlang der Einkommensverteilung den Konsum stabilisieren, wie die Kindergrundsicherung und das Klimageld, kann konjunkturell hilfreich sein", sagte Theobald.
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August 15, 2023 03:51 ET (07:51 GMT)