ING: Agenda 2030 sollte schneller als Agenda 2010 kommen


Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)--Deutschland braucht nach Aussage von ING-Europa-Chefvolkswirt Carsten Brzeski eine wirtschaftspolitische Agenda 2030, um sein "Geschäftsmodell" den Herausforderungen von demografischem Wandel, schwacher Infrastruktur und Digitalisierung anzupassen. Brzeski hat die Jahre 1999 bis 2003 vor den inneren Auge, wenn er Deutschlands Weg beschreibt: "Von der Bezeichnung 'Der kranke Mann des Euro' durch den Economist im Jahr 1999 und Anfang der 2000er Jahre (was einen Aufschrei der Verleugnung und Wut auslöste) über endlose Diskussionen und Fernsehdebatten (die in Melancholie und Selbstmitleid schwelgten) bis hin zu einem Plan für Strukturreformen im Jahr 2003, der als Agenda 2010 bekannt wurde und vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgestellt wurde."

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"Es ist schwer zu sagen, in welchem Stadium sich Deutschland derzeit befindet", schreibt Brzeski weiter. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit habe sich bereits vor der Pandemie verschlechtert, aber diese Verschlechterung habe in den vergangenen Jahren eindeutig weiter zugenommen. Spannungen in den Lieferketten, der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise hätten die strukturellen Schwächen des deutschen Wirtschaftsmodells offengelegt und kämen zu der bereits schwachen Digitalisierung, der bröckelnden Infrastruktur und dem demografischen Wandel hinzu. "Diese strukturellen Herausforderungen sind nicht neu, werden aber weiterhin die wirtschaftlichen Aussichten des Landes prägen."

Brzeski erinnert daran, dass Anfang der 2000er Jahre die Rekordarbeitslosigkeit der Auslöser dafür wurde, dass Deutschland die letzte Phase des Veränderungsmanagements, die "Akzeptanz" (und Lösungen), einleitete. Die damals durchgeführten Strukturreformen zielten vor allem auf den Arbeitsmarkt ab. "In der gegenwärtigen Situation ist es schwer, diesen einen Auslöser zu erkennen", räumt der Ökonom ein. Tatsächlich könnte seiner Meinung nach eine längere Periode der faktischen Stagnation ohne eine schwere Rezession das Gefühl der Dringlichkeit bei den Entscheidungsträgern verringern.

In der Folge könnte Deutschland für lange Zeit in den Phasen der Verleugnung, des Ärgers, des Verhandelns und möglicherweise der Depression stecken bleiben, befürchtet. "Vor zwei Jahrzehnten dauerte es fast vier Jahre, bis Deutschland die fünf Phasen des Wandels durchlaufen hatte. Wir hoffen, dass sich die Geschichte dieses Mal nicht wiederholt."

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Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

DJG/hab/sha

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July 12, 2023 09:56 ET (13:56 GMT)