IWH: Deutschland weiter im Abschwung
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erwartet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2023 um 0,5 Prozent. Für das kommende Jahr wird ein Zuwachs von 0,9 Prozent prognostiziert und für 2025 von 1,2 Prozent. "Hohe Inflation, gestiegene Zinsen, eine schwache Auslandsnachfrage und Verunsicherung unter privaten Haushalten und Unternehmen belasten gegenwärtig die deutsche Wirtschaft", erklärten die Ökonomen in ihrer Herbstprognose weiter. "Die deutsche Wirtschaft ist im Abschwung", stellten sie fest. Für die Infaltion sagten sie 6,0 Prozent in diesem Jahr, 3,0 Prozent im kommenden und 2,3 Prozent im übernächsten Jahr voraus.
Realeinkommensverluste aufgrund der hohen Inflation und Verunsicherung durch die Energiekrise hatten die privaten Haushalte im Winterhalbjahr dazu gebracht, ihren Konsum einzuschränken und ihn im zweiten Quartal nicht wieder auszuweiten. Das verarbeitende Gewerbe leide unter hohen Energiekosten und schwacher Auslandsnachfrage. Der Fachkräftemangel sei bislang wohl ausschlaggebend dafür gewesen, dass auch die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe ihre Beschäftigtenzahl sogar noch etwas ausgebaut hätten. "Damit ist aufgrund der pessimistischen Erwartungen für den Rest des Jahres nicht mehr zu rechnen", erklärte das IWH.
Die Investitionen in Bauten würden auch wegen der deutlich gestiegenen Finanzierungskosten deutlich sinken. Die Ausrüstungsinvestitionen bekämen dagegen von öffentlichen Ausgaben aus dem Sondervermögen Bundeswehr und von Abschreibungsmög-lichkeiten aufgrund des Wachstumschancengesetzes einen kleinen Schub. Wichtiger sei, dass die höheren Energiepreise und der Umstieg auf Elektromobilität etliche Investitionen erzwingen würden. Zudem dürfte sich der private Konsum nach und nach etwas beleben, denn die real verfügbaren Einkommen würden mit sinkender Inflation langsam zunehmen. Die Zahl der Arbeitslosen sieht das IWH 2023 bei 2,596 Millionen, 2024 bei 2,589 Millionen und 2025 bei 2,470 Millionen, die Arbeitslosenquote dieses und nächstes Jahr bei 5,6 Prozent und übernächstes bei 5,4 Prozent.
"Alles in allem dürfte die Produktion in Deutschland im dritten Quartal 2023 zurückgehen und in den Folgequartalen wieder moderat expandieren", sagte IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller. Die Verbraucherpreisinflation bleibe wohl bis ins Jahr 2025 über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB). "Besonders hoch sind die konjunkturellen Risiken für die Bauwirtschaft", sagte Holtemöller.
Kostenreduktion am Bau steht infrage
Die Finanzierungskosten seien stark gestiegen, Vorleistungsgüter seien trotz der jüngsten Preisrückgänge deutlich teurer als noch vor wenigen Jahren, und die Produktivität am Bau habe einen fallenden Trend. "Der Wohnungsbau wird sich erst dann wieder erholen, wenn die Kosten so weit gefallen sind, dass sich die Erstellung von Wohnraum für Normalverdiener wieder rechnen kann. Es ist eine offene Frage, ob eine so starke Kostenreduktion unter den gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen überhaupt möglich ist", so der Ökonom.
Die Weltwirtschaft verliere im Herbst 2023 weiter an Schwung. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe und der internationale Warenhandel stagnierten, seit der pandemiebedingte Nachfrageschub im vergangenen Jahr abgeebbt sei, und die zur Inflationsbekämpfung gestiegenen Leitzinsen verschlechterten das Investitionsklima. Dabei sei der Preisauftrieb noch stark genug, um die Konsumnachfrage vielerorts zu dämpfen.
Die Leitzinsen werden nach der Einschätzung der Wirtschaftsforscher "bis weit ins Jahr 2024 hoch bleiben müssen", denn in Nordamerika und Europa herrsche weiter Arbeitsknappheit, weshalb der Lohnkostendruck auf die Preise länger anhalten werde. Die insgesamt restriktive Wirtschaftspolitik drückt nach ihrer Analyse insbesondere die europäische Konjunktur, welche zudem von der Unsicherheit belastet werde, die der russische Angriffskrieg mit sich bringe. Auch die chinesische Wirtschaft befinde sich im Abschwung. Dagegen profitiere die robuste US-Konjunktur von den dort günstigen Wachstumsbedingungen.
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September 07, 2023 07:00 ET (11:00 GMT)