RWI: Aufschwung in Deutschland verzögert sich
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erwartet für dieses Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,6 Prozent, wie das Institut in seiner jüngsten Prognose mitteilte. Im Juni war es nach eigenen Angaben noch von einem Minus von 0,3 Prozent ausgegangen. Für das Jahr 2024 senkte das RWI seine Prognose von 2 auf 1,1 Prozent, für das Jahr 2025 geht das Institut von 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum aus. Grund für die niedrigeren Prognosen für dieses und nächstes Jahr sei vor allem, "dass sich konjunkturelle Hemmnisse nur langsam verringern". Der Aufschwung in Deutschland verzögere sich.
"Damit die deutsche Wirtschaft sich beleben kann, braucht es vor allem sichere Investitionsbedingungen für Unternehmen und steigende real verfügbare Einkommen für private Haushalte", sagte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. Die Unternehmen brauchten vor allem im Hinblick auf die Energiepolitik bessere Planbarkeit, damit sie ihre Investitionen erhöhten. Die privaten Haushalte benötigten steigende real verfügbare Einkommen, damit ihr Konsum wieder zunehme. 2024 dürfte zunächst der private Konsum die konjunkturelle Erholung tragen, erwartete das RWI.
Die Inflationsrate dürfte nach der Prognose im Durchschnitt dieses Jahres 6,0 Prozent betragen und in den kommenden beiden Jahren auf 2,5 Prozent und 2,1 Prozent zurückgehen. Die Arbeitslosenquote dürfte im Durchschnitt dieses Jahres 5,6 Prozent betragen und in den nächsten beiden Jahren auf 5,5 respektive 5,3 Prozent zurückgehen. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2023 bei 2,589 Millionen, 2024 bei 2,554 Millionen und 2025 bei 2,483 Millionen liegen. Über den Prognosezeitraum sei abzusehen, dass durch die demografische Entwicklung der Druck auf den Arbeitsmarkt steige und die Arbeitskräfteknappheit für sinkende Beschäftigungszahlen sorge.
Das Defizit der öffentlichen Haushalte dürfte 2023 mit knapp 69 Milliarden Euro deutlich geringer ausfallen als im Vorjahr mit knapp 97 Milliarden Euro. Im nächsten Jahr dürfte das Staatsdefizit weiter auf knapp 48 Milliarden Euro fallen, im Jahr 2025 nochmals leicht auf gut 43 Milliarden Euro zurückgehen. Größtes Risiko für die exportorientierte deutsche Konjunktur seien "die beträchtlichen Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft". Hierzu gehöre, dass sich die Kerninflation als hartnäckiger erweisen könnte als von den Zentralbanken erwartet, weshalb die Zinsen noch länger hoch bleiben könnten.
In China könnte die Wachstumsdynamik, nicht zuletzt aufgrund von Problemen im Immobiliensektor, geringer ausfallen als in der Prognose angenommen. Zudem bestehe weiterhin das Risiko, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine eskaliere und dadurch die Rohstoffpreise stiegen. Darüber hinaus könnte die schwache Wirtschaftsaktivität stärker auf strukturelle Faktoren zurückzuführen sein, als dies derzeit absehbar sei. Dann würde die Wirtschaftsaktivität nicht wie erwartet im kommenden Jahr an Fahrt gewinnen, sondern es würden Wettbewerbsanteile verloren gehen und deutlich stärkere strukturelle Reformen notwendig sein.
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September 07, 2023 05:04 ET (09:04 GMT)