Euro Magazin-Service

Lebensver(un)sicherung


Lebensver(un)sicherung

Ein ehemaliger Versicherungsmanager warnt vor einem Crash und rät, Policen sofort zu kündigen. €uro zeigt, wie es tatsächlich um die Lebensversicherer steht.

von Martin Reim, €uro Magazin

Sven Enger? Selbst innerhalb der Versicherungsbranche war der gebürtige Hamburger bis vor Kurzem weitgehend unbekannt. Der studierte Betriebswirt hatte zwar Führungspositionen in der Assekuranz inne, aber ausschließlich bei kleineren Anbietern. Doch seitdem Enger, Jahrgang 1965, ein kritisches Buch über seine frühere Branche veröffentlicht hat, steht er zunehmend in der Öffentlichkeit.

Werbung


Die ARD nahm seine Thesen sogar zum Anlass für eine Folge der Talkshow "Hart aber fair", in der er mit vier weiteren Diskutanten und Moderator Frank Plasberg auftrat. Engers Kernaussagen, wie er sie an dieser und anderen Stellen äußerte: Dem Geschäftsmodell der Lebensversicherung droht ein Crash. Für einige Firmen wird der Absturz nicht abzuwenden sein. Ersparnisse gehen verloren. Sein Rat: raus aus der Lebensversicherung und retten, was zu retten ist. Kein Wunder, dass die Unternehmen dagegenhalten. So wirft Peter Schwark, Geschäftsführer des Versichererverbands GDV und Mitdiskutant in der Talkrunde, Enger vor "er schüre vollkommen unbegründete Ängste". Die Behauptung, der Lebensversicherung drohe ein Crash, entbehre jeder sachlichen Grundlage.

Wie steht es nun tatsächlich um die deutschen Lebensversicherer? Das hat die Analysegesellschaft für Anlage- & Versicherungsprodukte im Auftrag von €uro untersucht. Die zugrunde liegenden Zahlen stammen fast komplett aus den öffentlich zugänglichen Datenbanken der Finanzaufsicht Bafin, die wie­derum auf den Bilanzen von 2016 beruhen (die kompletten 2017er-Bilanzen liegen erst ab Herbst 2018 vor).

Ergebnis: Zumindest kurz- bis mittelfristig kann Entwarnung gegeben werden. Im Vergleich zur Vorjahresuntersuchung sind die Resultate im Großen und Ganzen gleich geblieben (das Gesamtergebnis finden Sie auf Seite 119). Diesmal haben vier, statt fünf, Unternehmen die Note "sehr gut" bekommen. Am anderen Ende der Tabelle stehen 17 statt im Vorjahr 16 Anbieter, deren Stabilität "befriedigend" ist. Und es gibt erstmals ein "ausreichend", nämlich für die RheinLand Versicherung. Doch auch hier ist ein Crash kein Thema.
Werbung


Das bedeutet: Aus Angst vor einer Versicherungspleite muss - im Gegensatz zu den Aussagen Sven Engers - niemand seine Lebensversicherung kündigen. Wer dennoch mit seinem Anbieter unzufrieden ist, findet auf der folgenden Seite auch Alternativen zur Kündigung.

Konkret wurde bei unserem Test die Finanzkraft des jeweiligen Versicherers mit 30 Prozent gewichtet. In die Bewertung "Kundenzufriedenheit" gingen Frühstornoquoten und Beschwerden mit insgesamt zehn Prozent ein. Die Bestandssicherheit - hierzu zählt unter anderem das Wachstum der Versicherungsbestände - macht ebenfalls 30 Prozent des Gesamtergebnisses aus. Hinzu kamen Performance (Zahlen zu Verzinsung und Kosten), die gleichfalls mit 30 Prozent gewichtet wurden (siehe Einzel­tabellen unten).

"Die Lage der Lebensversicherer ist recht stabil und gegenüber dem Vorjahr mehr oder weniger unverändert", sagt Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungssparte beim Beratungsunternehmen Willis Towers Watson Deutschland. Es sei nicht realistisch, von einem be­vorstehenden Absturz von Anbietern zu sprechen, wie Enger ihn vorhersage. Klüttgens: "Man sollte keine Panik schüren. Ich bin sicher: Die garantierten Leistungen werden von allen Unternehmen in den nächsten Jahren gezahlt werden."
Werbung


Auch Lars Heermann, Bereichsleiter bei der auf Versicherer spezialisierten Ratingagentur Assekurata, erklärt: "Derzeit dürfte kein Lebensversicherer akut gefährdet sein." Jedoch zehrten die niedrigen Zinsen quasi unmerklich an der Stabilität. "Die Unternehmen verlieren dadurch schleichend an Substanz." Heermann verweist auf die sogenannte Zinszusatzreserve, die 2011 eingeführt wurde, damit die Unternehmen alte Verträge mit höheren Garantien auch künftig problemlos bedienen können. "Die Zinszusatzreserve entzieht den Anbietern Geld, das sie eigentlich für Zukunftsinvestments benötigen."

Denn was die langfristigen Aussichten betrifft, steckt die Branche nach wie vor in der Zwickmühle. Solange der durchschnittliche Garantiezins in ihren Vertragsbeständen hoch ist, muss sie in die Zinszusatzreserve einzahlen. Assekurata hat errechnet, dass bisher 60 Milliarden Euro dorthin geflossen sind - Tendenz steigend: Allein 2017 waren es 15 Milliarden Euro. Heermann: "Die Reserve ist ein hilfreiches und notwendiges Mittel zur Stabilisierung. Jedoch ist die Rechenmethodik nicht mehr zeitgemäß und sollte daher von politischer Seite dringend angepasst werden." Die Zuführungen sollten gleichmäßiger und abgemilderter erfolgen.

Schon jetzt setzt die Branche alles daran, den durchschnittlichen Garantiezins in ihren Vertragsbeständen zu senken. Geschehen soll das vor allem mit Policen, die ohne gesetzlichen Garantiezins auskommen. Beispielsweise sogenannte Indexpolicen, bei denen der Kunde wählen kann, ob er eine traditionelle Überschussbeteiligung erhält oder an der Entwicklung eines oder mehrerer Indizes teilhaben will. Solche Verträge, die der GDV unter "alternative Garantiekon­zepte" subsumiert, machten 2017 bereits knapp 50 Prozent des Neugeschäfts aus, traditionelle Garantieprodukte lediglich rund 40 Prozent. Der Rest entfällt auf Fondspolicen, bei denen die Anlagegelder ausschließlich in Investmentfonds fließen und bei denen der Kunde im Extremfall das komplette Risiko trägt.

Manche Gesellschaften nehmen überhaupt kein Neugeschäft mehr an und sind daher in der Tabelle auf Seite 119 separat ausgewiesen. Doch auch Kunden solcher Versicherer müssen sich kaum Sorgen machen. Die Untersuchung ergab bei ihnen einmal "gut", zweimal "befriedigend" und einmal "ausreichend".

Übrigens: Keinen Eingang in die Untersuchung haben die sogenannten Solvenzzahlen der Branche gefunden, also das Verhältnis zwischen Eigenmitteln und möglichen Verpflichtungen. Im vergangenen Mai mussten die Unternehmen diese Zahlen erstmals veröffentlichen. "Doch die Daten helfen kaum weiter bei der Beurteilung, welche Unternehmen stabil sind und welche nicht", sagt Thomas Hartung, Professor für Versicherungswirtschaft an der Bundeswehr-Universität München. Er verweist darauf, dass es um sehr langfristige Zahlungsströme gehe. "Das bedeutet: Wenn sich auch nur kleinste Parameter in der Gegenwart verändern, hat das einen ungeheuer starken Hebel für die fernere Zukunft." Ausreißer könnten zudem durchaus auf Zufall beruhen, so Hartung.
Kommenden Mai werden die Solvenzzahlen das nächste Mal veröffentlicht. €uro behält die Situation im Auge.

Kündigung - und die Alternativen dazu

Wer mit seiner Kapitallebens- oder privaten Rentenversicherung unzufrieden ist, kann den Vertrag kündigen. Doch das ist nicht immer der beste Weg

Kündigung: Hier gilt die Faustregel: Je kürzer die bisherige Vertragslaufzeit, desto mehr lohnt es sich, zu kündigen - frei nach dem Motto: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende." Wer ganz sichergehen will, sollte einen unabhängigen Versicherungsberater auf die Police schauen lassen (Liste unter bvvb.de). Dafür werden je Stunde rund 150 Euro Honorar plus Mehrwertsteuer fällig. Für Mitglieder der Verbraucherschutz-Orga­nisation Bund der Versicherten ist dieser Service gratis, allerdings kostet eine Mitgliedschaft jährlich 60 Euro plus eine einmalige Aufnahmegebühr von acht Euro. ­Einen kostenlosen Rechner für eine überschlägige Kalkulation finden Sie im Internet unter www.bundderversicherten.de/ lebens-und-rentenversicherungsrechner.

Beitragsfrei stellen: Sie zahlen keine Beiträge mehr, der Vertrag bleibt jedoch bestehen. Und das, was bislang angespart wurde, wird weiter verzinst. Aber Vorsicht: Ist an den Vertrag eine Berufsunfähigkeits- Zusatzversicherung gekoppelt, dann entfällt der BU-Schutz in diesem Fall.

Teilweise kündigen: Sie reduzieren Ihren Beitrag und damit auch den Versicherungsschutz. Der Vertrag wird aber auf deutlich höherem Niveau als bei einer kompletten Freistellung weitergeführt.

Billiger machen: Zahlen Sie jährlich statt monatlich. Sie sparen so den sogenannten Ratenzuschlag. Kündigen Sie eine eventuelle Unfalltod-Zusatzpolice, das führt bei gleichem Beitrag zu höherer Auszahlung im Erlebensfall. Stoppen Sie die Dynamisierung, denn bei jedem Schritt nach oben werden zusätzliche Abschlusskosten fällig.

Beleihen: Bei sogenannten Policendar­lehen dient die Lebensversicherung als ­Sicherheit für einen Kredit. Die maximal mögliche Kreditsumme errechnet sich aus dem sogenannten Rückkaufswert - also jenem Betrag, zu dem der Versicherer die Police zurücknähme, wenn der Kunde kündigen würde. Laut einer Untersuchung des Finanz­infor­ma­tions­dienstes FMH bieten unabhängige Finanzdienstleister fast ­immer günstigere Zinsen als der angestammte Versicherer.

Verkauf am Zweitmarkt: Einige unabhängige Finanzdienstleister übernehmen Policen zu einem höheren Preis, als die Versicherer selbst bieten. So ist ein Aufschlag von drei bis acht Prozent auf den Rückkaufswert durchaus realistisch. Doch Achtung: In dem Markt tummeln sich viele unseriöse Anbieter. Unter bvzl.de finden Sie eine Reihe von Kriterien, anhand derer seriöse Firmen zu erkennen sind.

Rückabwickeln: Wer zwischen 1995 und 2007 eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, kann dem Vertrag unter bestimmten Voraussetzungen auch heute noch widersprechen - selbst dann, wenn er schon gekündigt hat. Konkret geht es um die Frage, ob Verbraucher bei Vertrags­- abschluss fehlerhaft oder gar nicht über ihr Widerspruchsrecht aufgeklärt wurden. Die Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh.de) prüft den Vertrag für 70 Euro, wenn ihr die Unterlagen in Kopie vorliegen.

Die Ergebnisse des Tests der Lebensversicherer

(PDF)

Alle Lebensversicherer im Überblick: (PDF)

Performance: (PDF)

Bestandssicherheit: (PDF)

Kundenzufriedenheit: (PDF)

Finanzkraft: (PDF)








__________________________________

Bildquellen: Jakub Krechowicz / Shutterstock.com