Gesetzliche Krankenkassen im dritten Quartal offenbar mit Milliardendefizit
BERLIN (Dow Jones)--Die gesetzlichen Krankenkassen haben im dritten Quartal ein Defizit von mehr als 3 Milliarden Euro eingefahren nach einem Überschuss von fast 1,3 Milliarden im ersten Halbjahr, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Das Minus in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) war im dritten Quartal insgesamt fast sechzehn Mal so groß wie vor Jahresfrist, als es 193 Millionen Euro betragen hatte, so der Bericht.
Am schlechtesten sah es nach Informationen der Zeitung bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) mit minus 1,4 Milliarden Euro aus, gefolgt von den Ersatzkassen mit minus 1,2 Milliarden Euro. Martin Litsch, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, sagte der FAZ, das Ergebnis drehe im dritten Quartal "nun erwartungsgemäß wieder ins Minus". Das habe mit der Normalisierung bei Behandlungen und Operationen nach dem ersten Lockdown zu tun, mit Nachholeffekten, aber auch mit dem so genannten Versichertenentlastungsgesetz.
Damit will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die GKV dazu bringen, ihre Milliardenrücklagen schrittweise abzubauen. Das geschehe dadurch, dass die Zusatzbeiträge zur Krankenkasse "günstig, aber nicht ausgabendeckend seien", sagte Litsch der FAZ. Zur Jahresmitte betrugen die Kassenreserven annähernd 21 Milliarden Euro. Er erwartet, dass die Krankenkassen in diesem Jahr "mit einem Minus abschließen werden, und dass das dicke Ende für die gesetzliche Krankenversicherung erst noch kommt." Für 2022 erwartet Litsch in der GKV einen Fehlbetrag von 17 Milliarden Euro.
"Dieses Loch lässt sich dann nicht mehr mit Kassenrücklagen stopfen", gab Litsch zu bedenken. "Mit den Reserven sind auch die Gestaltungsspielräume für eine bessere Gesundheitsversorgung verbraucht. Politische Konzepte, wie klug gegengesteuert werden soll, sucht man derzeit vergeblich."
Schon zuvor hatte Litsch gewarnt, dass die Zusatzbeiträge in der GKV auf 2,5 Prozent mehr als verdoppeln werden müssten, wenn die Politik nicht gegensteure. Beschlossen ist bereits, dass die durchschnittlichen Zusatzbeiträge 2021 von 1,1 auf 1,3 Prozent steigen. Der GKV-Spitzenverband hält eigentlich 1,4 Prozent für nötig. Allgemein wird erwartet, dass die Tarife weiter anziehen - aber erst nach der Bundestagswahl und nach dem Ende der "Sozialgarantie", mit der die große Koalition versprochen hat, die Sozialabgaben auf maximal 40 Prozent zu begrenzen.