Düstere Zeichen für die Öl-Branche
Das BP-Desaster im Golf von Mexiko belastet die gesamte Ölbranche. Experten erwarten eine Zunahme der Fusionen und steigende Ölpreise.
von Peter Gewalt, Euro am Sonntag
Der Besitzer der Mimosa Dancing Girls Bar, eines Strip- Etablissements in der Nähe von New Orleans, ist stinksauer auf den Ölkonzern BP: Die Umsätze des Lokals sind seit dem 21. April, dem Tag der Explosion der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon, eingebrochen. Denn viele Fischer könnten sich seither einen Besuch der Nacktbar nicht mehr leisten. BP soll nun für die entstandenen Verluste aufkommen.
Doch nicht nur auf regionaler, auch auf globaler Ebene bringt das BP-Umweltdesaster eine ganze Reihe an Verlierern hervor. Darunter sind Ölkonzerne und Verbraucher weltweit, die für die Verfehlungen des britischen Ölkonzerns indirekt zur Kasse gebeten werden. Denn unter Experten herrscht Einigkeit darüber, dass sich die Bedingungen für Tiefseebohrungen nach dem Desaster drastisch ändern werden und damit auch der Ölpreis weiter in die Höhe getrieben wird. „Schärfere Bestimmungen, höhere Versicherungssummen und neue Equipment-Anforderungen werden die Kosten nach oben treiben und die künftige Ölversorgung einschränken,“ so Ute Speidel, die für Altira den VCH Expert Natural Resources managt.
BP als bisher größter Verlierer bekommt schon heute die saftige Rechnung für mangelnde Sicherheitsvorkehrungen präsentiert. Das Image ist ruiniert, der Aktienkurs hat sich seit April halbiert, das Rating ist drastisch herabgestuft worden, 20 Milliarden Dollar mussten für den Entschädigungsfonds bereitgestellt werden. Experten schätzen aber, dass BP insgesamt bis zu 50 Milliarden Dollar für Schadenersatz und den Einsatz der Hilfskräfte (s. Kasten rechts) aufbringen muss. Um sich finanziell zu rüsten, plant BP daher, sich unter anderem von Vermögenswerten zu trennen und im Notfall neue Schulden aufzunehmen.
Wie hoch die Rechnung ausfällt, hängt stark vom Erfolg der für die kommenden Wochen geplanten Rettungsmaßnahmen ab. Sollten diese erneut scheitern, könnte es noch bis Anfang August dauern, ehe neue Bohrungen den Druck aus dem Ölfeld nehmen und damit der ungehinderte Austritt der Ölfluten eingedämmt werden kann.
Je länger aber das Desaster andauert, desto gedrückter wird die Stimmung auch bei anderen Energieunternehmen. Ohnehin sind die Kurse der Ölkonzerne weltweit seit Beginn der Katastrophe im Schnitt bis zu 20 Prozent gefallen. Ein Grund: Auf alle Unternehmen, die im Bereich Tiefseebohrungen engagiert sind, kommen drastische Ausgabensteigerungen zu. Vor allem gestiegene Versicherungskosten werden zu Buche schlagen. „Bisher mussten die Firmen nur Versicherungen in Höhe von 75 Millionen Dollar bei Tiefsee-Bohrungen abschließen, in Zukunft werden Versicherungssummen von zehn Milliarden Dollar verlangt werden, wenn es nach Ansicht von US-Politikern geht“, erklärt Willem de Meyer, Fondsmanager des Earth-Energy-Fonds UI. Gleichzeitig werden die Sicherheitsstandards für Ölbohrungen im Meer wohl nicht nur in den USA verschärft werden. „Die Regierungen in der ganzen Welt ziehen ihre Lehren aus dem Desaster und werden schärfere Zulassungsbedingungen für Tiefseebohrungen beschließen“, ist sich de Meyer sicher.
Die EU hat schon reagiert und droht mit härteren Auflagen. EU-Energiekommissar Günther Öttinger hat die Vertreter der Ölkonzerne, die in der Nordsee und im Nordatlantik aktiv sind, für den 14. Juli einbestellt. Bisher war es Sache der Mitgliedsstaaten, die Förderung auf den Bohrinseln zu kontrollieren.
Alles in allem rechnet David Ginter, Manager des Ivy Energy Fund, dass die Tiefseebohrkosten um bis zu 25 Prozent steigen werden. Angesichts der Explorationskosten in Höhe von 100 Millionen US-Dollar pro Ölfeld und 500.000 US-Dollar Betriebskosten pro Tag und Bohrung kommen zusätzliche Millionenausgaben auf die Unternehmen zu.
Während milliardenschwere Großkonzerne wie Shell diese Mehrkosten schultern können, stehen viele kleinere Ölfirmen vor existenziellen Problemen. „Der Druck auf die kleineren Unternehmen der Branche, sich zusammenzuschließen, wächst“, prophezeit de Meyer. Die in dieser Woche verkündete Fusion des amerikanischen Öldienstleisters Acergy mit seinem norwegischen Konkurrenten Subsea im Wert von 5,4 Milliarden Euro sei ein erster Schritt in diese Richtung, dem noch weitere folgen würden.
Die Katastrophe im Golf von Mexiko ist zudem ein herber Rückschlag für die Hoffnungen der Konzerne, neue Meeresgebiete für Tiefseebohrungen zu erschließen. Noch Anfang April hatte US-Präsident Barack Obama nach zähem Ringen neue Küstengebiete in den USA für die Ausbeutung freigegeben. Diese Pläne sind nun erst einmal vom Tisch. „Derzeit herrscht bei den Unternehmen große Unsicherheit, wie es weitergeht mit den Bohrprojekten und wie groß die Verzögerungen sind“, sagt Speidel. „Dies führt zu einem Investitionsstopp bei einzelnen Vorhaben, was sich künftig durch ein niedrigeres Angebot auf dem Ölmarkt auswirken wird.“
Dies wiegt umso schwerer, als die globale Abhängigkeit von Öl aus der Tiefsee wächst. Zwischen 2000 und 2009 hat sich die Rohölförderung aus einer Tiefe von mehr als 600 Metern laut der Beratungsfirma IHS Cera auf fünf Millionen Barrel verdreifacht. Bis 2015 könnte der Ausstoß auf zehn Millionen Barrel steigen. Dies entspricht dem erwarteten Anstieg der weltweiten Ölnachfrage bis 2014.
Vor allem für die großen westlichen Unternehmen sind Tiefseeförderungen inzwischen zu einer existenziellen Frage geworden. BP, Shell und Exxon müssen schnell für Ersatz der weggefallenen ausgebeuteten Ölquellen sorgen. Leicht erschließbare Reserven sind jedoch vor allem in den OPEC-Ländern zu finden, die das Geschäft mit eigenen staatlichen Gesellschaften abwickeln.
Inzwischen wachsen bei Experten zudem die Zweifel, ob die ehrgeizigen Tiefseeprojekte etwa vor der Küste Brasiliens technisch in den Griff zu bekommen sind. „Dort muss mehr als 2000 Meter tief gebohrt werden, um an das Öl zu gelangen“, erklärt Speidel. Wie teuer die Förderung letztlich ausfallen wird, sei noch nicht abzusehen.
„Die höheren Kosten plus ein knapperes Ölangebot werden zwar nicht sofort, aber in einigen Jahren zu höheren Ölpreisen führen“, meint Nick Brooks, Chefinvestmentstrategie von ETF Securities, einem der größten Rohstoffinvestmentanbieter weltweit. „Aber schon heute bemerken wir ein gestiegenes Interesse an längerfristigen Ölinvestments.“
Die Preissteigerungen werden am Ende die Verbraucher treffen. Die haben nur ein Problem: Anders als der Besitzer der Mimosa Dancing Girls Bar haben sie keine Chance, Schadenersatzansprüche bei BP geltend zu machen.
Investor-Info:
Suche nach neuen Ölquellen
Auf der Suche nach neuen Ölreserven müssen Konzerne in immer größere Wassertiefen vorstoßen. Inzwischen ist es möglich, in einer Wassertiefe von bis zu drei Kilometern Erdöl zu fördern. Vor 16 Jahren lag das Maximum noch bei unter einem Kilometer.
Reserven der Ölfirmen
Vorteil Staatsunternehmen: Exxon, Chevron, Total und BP hinken in Sachen Ölreserven den staatlichen Ölgesellschaften in Saudi-Arabien, dem Iran und Venezuela weit hinterher. Um ihre schwindenden Reserven zu ersetzen, mussten die westlichen Ölgesellschaften daher in den vergangenen Jahren verstärkt auf die Exploration von neuen Tiefseeölfeldern setzen.
Energiefonds
Fondsmanager weltweit verändern ihre Portfolios angesichts der Ölpest im Golf von Mexiko. Viele investieren verstärkt in Gasproduzenten oder in alternative Energieunternehmen, die als Profiteure des Desasters gelten. Auch Willem de Meyer hat seinen Fonds Earth Energy (ISIN: DE000A0MWKJ7) in diesem Sinn neu ausgerichtet. Meyer investiert in Unternehmen aus den Bereichen Öl und Gas, Uran, ölhaltige Sande, Kohle und alternative Energien. Mit einem Gewinn von 41 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten gehört der Earth Energy zu den besten seiner Kategorie. Da der Fonds kleinere Werte im Fokus hat, sollten Anleger mit größeren Schwankungen im positiven wie im negativen Sinn rechnen.
BP
Eine realistische Unternehmensbewertung von BP ist derzeit unmöglich angesichts der Unsicherheit über die möglichen Schadenersatzforderungen. Zwar rechnen wenige damit, dass BP tatsächlich pleitegehen wird – immerhin besitzt der Konzern noch Vermögenswerte in Höhe von über 250 Milliarden US-Dollar. Aber wie stark und wie lange der BP-Kurs in Mitleidenschaft gezogen wird, steht derzeit noch in den Sternen.
